Montag, 31. August 2009

Interview Raimund und Erika Steinhoff Konstanz


Ich kenne Erika und Raimund Steinhoff seit einem Lawinenunfall am Prättigauer Chrüz vom 27. 2.83. Raimund war damals nicht in der verunfallten Gruppe dabei, war aber als 2. Vorsitzender der Sektion Konstanz des Deutschen Alpen Vereins und als Schriftenführer für die Aufarbeitung und Dokumentation des Unfalles verantwortlich.

Ich war damals in der Gruppe Schweizer Tourenfahrer, welche die Rettung und Bergung der deutschen Gruppe durchgeführt hat. Als Folge und zum Dank wurden wir von der Sektion Konstanz in ihre Clubhütte Gauenhütte im Montafon eingeladen, wo ich Raimund kennen lernte. Später haben wir einige gemeinsame Touren unternommen. Pollux, Grand Combin etc.
Der Unfall am Chrüz füllte die Medien, waren doch 5 Bergsteiger dabei umgekommen unter ihnen der erste Staatsanwalt von Konstanz. Die Meldungen erweisen sich als weitgehend unexakt, zum Teil erfunden, Zeugen wurden Aussagen in den Mund gelegt und Bauer Jenni wurde von einigen Zeitungen schlicht zum Zeugen gemacht. Er soll die Gruppe gewarnt haben, was gar nicht möglich war. Er war zum entsprechenden Zeitpunkt oben am Skilift an der Arbeit und die Konstanzer Gruppe hatte den Skilift vor der Bergstation verlassen.

Raimund Steinhoff hat alle 47 4000-er der Schweizer Alpen bestiegen. Er war 34 Jahre im Vorstand des DAV Konstanz, davon 10 Jahre als 1. Vorsitzender. Er ist heute ein rüstiger 76-jähriger. Seine Frau Erika ging in früheren Jahren eher auf leichtere Touren mit, später begleitete sie ihren Mann aber auch auf schwere Touren. So blieb sie am Schreckhorn nur aus Vernuftsgründen in der Hütte, weil eine Dreierseilschaft zu langsam gewesen wäre. Raimund ging mit seinem Freund Georg Bernhardt als Zweierseilschaft.

Im September 1987 hat Raimund Steinhoff mit seinem langjährigen Tourenbegleiter Georg Bernhardt eine Tour aufs Schreckhorn gemacht. Beim Abseilen lösste sich ein Haken oder eine Seilschlinge riss, und Georg Bernhardt stürzte 300 Meter tief auf den Gletscher. Die ganz genaue Unfallursache wurde nie geklärt, es war aber ein klarer Abseilunfall. Raimund stieg ungesichert die 300 Meter bis zu seinem Freund ab. Erika wartete in dieser Zeit in der Hütte. Ein Bergführer, der Unregelmässigkeiten bei ihrem Abstieg beobachtet hatte, alarmierte die Rettungskräfte.

Das Ehepaar Steinhoff wohnt in einer kleinen Eigentumswohnung in einem Aussenquartier von Konstanz. Nahe am See, in einer ruhigen Wohngegend. Die Wohnung sieht so aus, als sei gerade das Möbelhaus vorgefahren und habe die Einrichtung akurat hingestellt. Alles ist ordentlich, an den Wänden hängen Bergfotos. Einige zeigen den Sohn Michael, der Bergführer geworden ist, den Beruf aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben kann. Sie haben noch ein Tochter, Corinna, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Konstanzer Altstadt wohnt.
Als ich anrief um ein Interview zu erbeten waren sie sofort bereit über die Dinge zu sprechen.
Wir setzen uns an einen Tisch mit Eckbank und einer gehäkelten Tischdecke drauf.
Erika reagiert auf meine Fragen oft schneller als Raimund und ergänzt manches, was er sagt. Inhaltlich sind sie aber in jedem Punkt kongruent.
Im Zentrum meines Interviews steht die Frage: Wie gehen die Familien mit der Nachricht vom Bergtod eines Angehörigen um? Aber wir reden rund um die vielen Unfälle, in welche die Sektion Konstanz mit ihren ca. 6000 Mitgliedern verwickelt war. Daneben frischen wir auch Erinnerungen auf an gemeinsame Bergtouren und gleichen unsere Erfahrungen ab in Bezug auf das Bergsteigen allgemein und speziell in Bezug auf dessen Gefahren.

Wie wurden die Familien vom Tod ihrer Angehörigen benachrichtigt?
R: Ich übernahm die Aufgabe, die Angehörigen zu benachrichtigen, als ich den Anruf vom 1. Vorsitzenden bekam. Fritz Schaffheutle, 1. Vorsitzender war so geschockt, dass er dazu nicht in der Lage war. Ich bin dann zu den Leuten hingegangen. Der verunfallte Eugen Stadelhofer arbeitete als Schreinermeister im gleichen Betrieb wie ich. Er im Der Werkstatt, ich im Büro, da haben wir uns sehr gut gekannt. Erika und ich fuhren von einer Familie zur Nächsten.
Raimund legt im Gespräch lange Pausen ein.
R: Ich hatte 1 Woche nach dem Unfall am Chrütz am Ort einen Rutschkeil gegraben und mit dem angeblichen Informanten Jenni gesprochen.

Der Bauer Jenni hat seine Aussage ja dementiert.
R: Ja, der war oben am Skilift und die Gruppe hatte den Lift vor der Bergstation verlassen.
E: Ja aber wie gehen die Leute mit der Nachricht um?
R: Schwer, das ist ja auch ganz verschieden. Beim Unfall Kohler hat sich ein ehemaliger drogensüchtiger Sohn in der Folge des Unfalls das Leben genommen. Der hat das nicht verkraftet. Der Kohler hat den Sohn da rausgeholt und dann war das einfach zuviel.

Wie reagierten die Leute, die am Chrüz jemanden verloren hatten?
R: Manche hatten mit so was gerechnet, weil die Leute viel im Winter unterwegs waren. Andere waren schockiert.
E: Die Christa.
R: Ja die Christa war aus der Fassung.
E. Einige von uns waren in einem Sommer davor dort und sagte: Da muss der Schnee ganz gut sein, dass man da hindurch kann. Das ist so steil und sie war aber von Westen her hochgekommen. Dann sieht man in diese dunkle Mulde, und die ist ja schon sehr steil.

R: Es war (an jenem 27.2.83) ja auch das Chüenihorn vorgesehen. Die wollten gar nicht aufs Chrüz. Aber bei dem Nebel wollte der Tourenleiter nicht die Verantwortung übernehmen, die Route durch die Lawinenverbauungen zu finden. Dabei wäre das im Nachhinein wohl sicherer gewesen. Ich wollte an dem Tag mit Erika auf den Piz Medel, und als ich gesehen habe, dass es so warm geworden war, habe ich die Tour abgesagt. Ich habe das früher schon erlebt, dass ich bei solcher Wärme durch einen Hang gegangen bin, und gleich danach kam der ganz Hang in die Tiefe gerutscht. Etwas später wären alle drunter gewesen. So habe ich an diesem Tag die Tour abgesagt.

E: Ja, wie haben die reagiert? Lore ist ja im Schnee umgekommen. Die haben 3 Kinder, die waren fast erwachsen, so 15 – 19. Die waren zuhause. Erst waren die mal ganz still. Die konnten das erst mal gar nicht fassen dass die Mutter umgekommen ist.
R: Der Vater war ja auch in der Lawine und die Mutter ist umgekommen.

Stellt man sich in der Situation nicht die Sinnfrage?
R: Da kommen schon Bedenken und Vorsicht ist immer richtig. Wir sind seither viel vorsichtiger geworden. Also ohne den Lawinenbericht und Wetterbericht zu hören gehe ich auf keine Tour mehr. Und dann habe ich mich entschieden, nur noch auf Hochtouren auf Gletschern zu gehen, wo keine Lawinen kommen können. Aber weißt du noch, als am Grand Combin die Düsenjäger drüber gekracht sind, und das hat getönt wie ein Eisschlag, da bin ich schon erschrocken. (Raimund und ich haben gemeinsam 1986 die berüchtigte Corridor – Route am Grand Combin gemacht, und genau als wir unter Eistürmen, die einzustürzen drohten, durchgingen wurden wir vom Lärm der Kampfjets erschreckt)
E: Ja, stellen wir uns die Frage nach dem Sinn? Nein, ich glaube, wir gehen so gerne, dass wir einfach wieder gehen.
R: Ja, dass man wieder geht. Aber eine gewisse Zeit brauchte ich dann schon. Nach dem Unglück am Schreckhorn hätte ich eine Woche später eine Tour führen sollen, da war ich nicht in der Lage.
E: Ja das war für dich noch krasser. Denkpause. Helga Fleischhauer hat, als ihr Mann mit den Ski abgestürzt ist sogar in der Todesanzeige geschrieben, dass sie wieder gehen will, hat es dann aber doch nicht gemacht.
R: Das war so eine Trotzreaktion. Kann sein, dass man einen Moment denkt, man geht nicht mehr, doch man geht meist doch wieder. Die echten Probleme kommen dann ja erst.
E: Beim Kohler war ja sein Sohn, der immer Probleme machte, und der drogensüchtig war, den hatte er da rausgeholt, und der hat sich nach dem Tod des Vaters das Leben genommen. Das war für die Mutter natürlich noch schlimmer.

Gibt es noch so eine Heroisierung, wie in der Frühzeit des Alpinismus?
R: Glaub ich nicht, das ist doch vorbei.
E: Heute denkt man eher an die Angehörigen.
R: Schillinger und auch Bäumle, der in der Lawine war, mit denen sind wir viel zusammen gewesen, viel zusammen gelaufen, das brauchten die um sich auszusprechen zu können.
E: Ja die, die viel darüber gesprochen haben sind auch besser darüber hinweggekommen.

Wie hat sich euer Verhältnis zu den Hinterbliebendurch die Unfälle verändert?
R: Am Chrütz war es ja eine gemeinsame Skitour, die haben das gemeinsam entschieden. Auf dem Parkplatz entschieden sie sich, nicht das Chüenihorn zu besteigen, nachdem der Tourenleiter schon vorher gezögert hatte. Er traute sich nicht, den Weg durch die Lawinenverbauungen im Nebel auf das Chüenihorn zu finden. Dann haben sie gemeinsam entschieden aufs Chrütz zu gehen. Aber es war eine gemeinsame Tour. Keiner war für die Tour wirklich verantwortlich.
E: Obwohl das Chüenishorn wohl ungefährlicher gewesen wäre.
R: Ja im Nachhinein. Erika und ich waren eine Woche nach dem Unfall am Chrütz wir haben da noch Sachen von den Verunfallten gefunden und einen Rutschkeil gegraben.
Denkpause
R: Der Keil ging sofort ab, da war nach einer langen Schönwetterperiode eine harte Schicht im Schnee und Saharasand drauf. Darauf ist das dann abgegangen.
Denkpause
Die Hinterblieben treffen so im Advent zusammen, gehen zusammen ins Theater oder so, nach St. Gallen.
Denkpause
Wir hatten dieses Jahr nochmals einen Gedenkgottesdienst, da sind aber nicht mehr alle Hinterbliebenen und Überlebenden gekommen. Die Frau vom Dirk Feistkorn kam nicht und Christa ist damals auch nicht zum Gauenhütte gekommen, sie sagte schon damals: „Das tu ich mir nicht an.“ Ja die hatten ja auch eine schwere Zeit zusammen.
R: Ja aber das ging in dem Moment ja aber besser.
E: Angelika Stadelhofer ging ja hin, in die Schweiz, hat sich den Eugen (der am Chrüz umgekommen ist) noch vor Ort angesehen bevor der Sarg zugemacht wird, ist in die Schweiz gefahren, Angelika. Die erzählt auch immer alles was sie fühlt und dann ist sie es los, dann ist es fertig.

Gibt es eine Art Psychogramm, von Frauen, die Männer heiraten die gefährliche Dinge machen?
R: Nein, das glaube ich nicht, die meisten fingen erst an gefährliche Dinge zu machen, nach der Eheschliessung.
E: Fritz Schaffheutle hatte seiner Frau zur Bedingung gemacht, dass er weiterhin in die Berge gehen kann. Herta, seine Frau ist eine ganz liebe, ruhige Frau, die einfach mitgewandert ist.
R: Du hast mich auch nicht geheiratet, in der Erwartung, dass ich vom Matterhorn abstürze.
E: Nein, aber wenn ich allein zuhause war, war das schon oft schwierig, zu warten, wenn’s mal später wurde. Man würde dann am liebsten anrufen, und man kann nicht.
R: Ja das ist heute einfacher, mit dem Handy kann man auch anrufen.

Wie war die Presseberichterstattung?
R: Südkurrier war’s ja ziemlich sachlich, aber in der Bildzeitung war das ganz reisserisch aufgemacht, mit dem Bauer Jenni, der die Gruppe angeblich gewarnt haben soll. Ich habe eine Woche später mit dem Bauern Jenni gesprochen, der hat zwar die Gruppe von weitem aufsteigen sehen, doch hat er nie mit ihnen gesprochen. Ich habe dann verlangt, dass sie diese Aussage zurücknehmen und das haben sie dann auch gemacht. So zwei Zeilen unten links, die natürlich kein Mensch liesst. Bildzeitung halt, nicht besser als der Blick.
Dann haben wir hier das Eidgenössische Schnee und Lawinen Forschungsinstitut. Ich habe da halt alles so gesammelt, was kam.

Da! –Wir sehen ein Bild, wo ich drauf bin.
Ich: Das war. Als wir die Leute aus dem Helikopter ausgeladen haben. Da wird mir ein Interview mit völlig falschen Aussagen in den Mund gelegt!
E: Da ist fast bei allen Texten etwas falsch.

Raimund übergibt mir einen ganzen Ordner mit Zeitungsausschnitten und Protokollen der Polizei zu verschiedenen Bergunfällen, welche die Sektion Konstanz betreffen.

R: Todesanzeigen brauchst Du wahrscheinlich nicht.
Ich: Doch, weil ich die Bilder suche, ich suche danach, wie man den Tod behandelt, was für Bilder und Gedenksarten gibt.
R: Von Kohlers Absturzstelle gibt es noch ein Dia.

Gibt es einen Gerichtsentscheid vom Unfall am Chrüz?
Ja es gibt den Gerichtsentscheid, dass der dann da freigesprochen wurde.
(Da die Gruppe beschlossen hatte gemeinsam eine andere Tour als die geplante zu machen und der vorherige Tourenleiter die Tour aufs Chrüz nicht kannte und auch keine Karte vorhanden war ging das Gericht nicht mehr von einer Sektionstour aus sondern von einer gemeinsam in geteilter Verantwortung unternommenen Tour. Ausserdem war der ursprüngliche Tourenleiter Eugen Stadelhofer ums Leben gekommen.)

Wie war die versicherungsmässige Situation?
Ja das wurde vom Alpenverein übernommen. Jetzt wurde die Summe heraufgesetzt und der Verein übernimmt damit Bergrettung und Suchkosten, damit sind die meisten Fälle gedeckt.

Wie nimmt die Szene ausserhalb den Alpinismus wahr,
R: Viele Betrachten das als Leichtsinn.
E: Ja, vor allem nach dem Unfall. Warum geht der mit 60 noch aufs Schreckhorn?
R: Ich war noch jünger, aber Georg war 60.
E: Ja, viele sagen schon, das muss sein wie eine Sucht, das macht leichtsinnig.
R: Ja da gibt es schon Unverständnis.

Stört euch das?

R+E: Nein, ich würde sagen, die haben einfach keine Ahnung, die können das einfach nicht entscheiden. Nein, also das stört uns eigentlich nicht wirklich, wir wissen ja, was wir da tun.
R: Ich wollte mal die Überschreitung des Lysskamms machen, ich wollte das unangeseilt machen, weil man da einen der abstürzt nicht halten kann. Da kamen dann statt der sieben, die auf der Monterosahütte waren nur drei mit. Einer entschied sich erst am Morgen, die Tour zu wagen, er hatte einfach ein gutes Gefühl, das er am Abend nicht nicht abrufen konnte. Wenn da einer stürzt, reisst die andern einfach mit. Wir haben dann die schwierigsten Stellen seilfrei gemacht, und ich habe dann immer wieder geschaut, wie die gehen. Also da war’s dann wirklich steil und sehr schmal. Und als ich schaute: ganz toll! Die gingen also ganz toll, so konzentriert. (Die Überschreitung des Lysskamms ist wesentlich schwieriger als der Südpfeiler des Schreckhorns.)
Ich: Ja, wenn einem nicht ein Steigeisenbindung reisst, wie dir am Grand Combin.
R: Ja. (lacht)

Ich : Am Grand Combin haben wir das ja auch so abgemacht. Die stark eisschlaggefährdete Corridorroute nur unangeseilt, Tempo und durch.
R: Ja, das war sicherer, jeder so schnell wie möglich. Diskussion, das Risiko abschätzen. Gefühl braucht es auch, damit man das Risiko abschätzen kann.
Ich: Der Schweizer Lawinenexperte Werner Muter sagt auch immer: Hört auf euer Gefühl, das hilf mehr als ihr glaubt.
R: Oft spürt man, ob es gut ist, die Intuition hilft oft.
E: Mit einem guten Gefühl kann man’s ja auch besser, man wird lockerer.

Ich: Beim alleine Klettern habe ich gemerkt, wie viel Aufmerksamkeit die Seilhandhabung braucht, die man eigentlich fürs Klettern brauchen würde.
R: Ja.
Ich: Das Seil verursacht bei nicht sehr guter und sachgemässer Handhabung häufig Steinschlag, der auch sehr gefährlich werden kann.
R: Ja-. Beim Nachziehen, Ja, im brüchigen Gestein ist es gefährlich.
E: Oft spürt man vorher, was kommen wird, oder dass etwas los ist. Ich hab’s am Schreckhorn ja auch gespürt.


Ich Wie weit ist Alpinismus Lebenssehnsucht und wie weit es Todessehnsucht?
E.: Todessehnsucht Gar nicht!
R: Bei uns gar nicht, da müsste einer schon Selbstmordabsichten gehabt haben. Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.
E: Nein, dann würden wir nicht gehen. Man bereitet sich vor und hat Spass daran.

Kommt es vor, dass euch Todessehnsucht unterstellt wird?
R+E: Nein, man macht es für sein Leben und bereitet sich vor und hat Spass daran.

R: Die 4000-er der Schweiz habe ich alle bestiegen, aber ausser beim Schreckhorn hatte ich nie Probleme. Beim Absturz von Georg am Schreckhorn kam in mir eine gewisse Unsicherheit auf. Und zwar ein Zittern beim Klettern. (er zeigt, wie er vom Eindruck des Ereignisses zusammengekrümmt wurde und zitterte) Das war bei der 3. Abseilstelle. Ich war schon weiter abgeklettert und hatte einen schlechten Stand. Da war ein Schneefeld, das habe ich gequert. Dann rief er: „Du hast ja einen Hacken übersehen,“ den benützte er dann und hängte das Seil dort ein. Als er ins Seil hing musste sich das dann gelöst haben, ich weiss nicht, ob der Hacken nicht richtig gesteckt hatte oder eine Schlinge nicht gut war. Er stürzte an mir vorbei. Das Seil wirbelte weit in der Luft. Er hat noch geschrieen. Mit Seilschlingen bin ich immer vorsichtig, wenn die nicht gut ist kann das brechen. Wenn da vorher ein Seil abgezogen wurde wird, das versengt die Schlinge und das hält dann nicht mehr. Den Haken hat man nicht gefunden. Ich war da schon eine Seillänge tiefer.
E: Also genau weiss man das nicht, aber es war ein klarer Abseilunfall.

Ist die Polizei hochgegangen?
Die waren da oben, die haben ihn dann geborgen und ich bin dann dort geblieben, bis sie mich auch geholt haben. Sie habe gesagt, der Gletscher sei arg zerschrundet und ich solle auf alle Fälle bleiben, und nicht unangeseilt zur Hütte zurückgehen. Die sind noch mal hochgeflogen, nur ganz kurz um sich das anzusehen, der Bergführer hing da am Seil, dann war ihm schnell klar, was passiert ist, ein reiner Abseilunfall.

Gab’s eine Untersuchung?
R: Nee, die haben da meine Schilderung gehört. Und als der Bergführer festgestellt hatte dass das zu stimmen scheint, gab’s dann keine Untersuchung.
E. Ja wir mussten unten dann schon noch etwas zu Protokoll geben.
Denkpause
R: Das war sein letzter 4000 er- Ja der hatte alle.
E: Der Georg?
R: Ja, Schreckhorn hatte er schon einmal versucht, das hatte nicht geklappt. Ich wollte eigentlich aufs Täschhorn. Dazu hätten wir einen weiteren Urlaubstag gebraucht. So sind wir eben aufs Schreckhorn gegangen. Zu dritt hätte die Zeit nicht ausgereicht. Erika war auf der Hütte. Erika hätte auch mitkommen können, aber die Tour ist schwierig, da musste man alles sichern, zu dritt hätte man doppelt sichern müssen, dazu reicht die Zeit nicht.
E: Also das war ein Dreier in der Höhe und ausgesetzt, das hatte ich bisher noch nicht gemacht. Also gereut hat es mich nicht wirklich, ich wusste, dass es schwer war.
Die Männer haben gesagt, dass es laut Führer 7 Stunden sind bis zum Gipfel, das ist schon lang und in der Höhe und so sagte ich mir eben, dann lassen wir das.
Ich habe vor der Hütte gesessen und habe gelesen, doch plötzlich konnte ich nicht mehr lesen. Ich wurde so nervös.
R: Da war ja noch ein Bergführer unterwegs mit zwei Kunden.
E: Da dachte ich, warum bin ich plötzlich so unruhig und dann ging’s auch nicht lange, bis die Klienten vom Bergführer kamen und ich fragte sie, warum sie alleine kommen. Die sagten, ihr Bergführer wollte das noch beobachten, was die andern da oben tun. Der Bergführer hatte gesagt, dass da oben was nicht stimmt. Der hatte gesehen, dass da etwas nicht stimmt. Dann kam auch gleich der Hubschrauber...
R: Ja das waren zwei Hubschrauber, der erste war mit Gästen unterwegs, der flog gleich drüber hinweg, und der zweite war dann der Rettungshubschrauber.
E: ...da war ich heilfroh, als dann Raimund ausstieg, aber wie! Der konnte kaum mehr gehen... nass und ganz gebückt.
R: Ja, ich war ganz nass, ich musste da einen Wasserfall queren und ich habe dann da oben gewartet. Ich war die ganze Strecke bis zum George abgeklettert. Die ganze Kante und dann die Rampe. Zwei Stunden habe ich dafür gebraucht. Bis ich bei ihm war. Da habe ich ihn dann gefunden, wo er tot war.
E: Der Bergführer hat beobachtet, dass nur einer von den beiden absteigt.
R: Beim Raufklettern hatten wir kaum Schwierigkeiten. Normalerweise probiere ich immer ob die Haken richtig sitzen. - (Zeigt ein Bild vom Schreckhorn) Der Bergführer war auch oben, die waren aber schneller im Abstieg und er hat dann von unten gesehen, dass bei uns etwas nicht stimmte, weil nur einer abgestiegen war.
E: Da sieht man die Absturzstelle und den ganzen Weg, den Georg abgestürzt ist und die Kante über die Raimund ungesichert abgeklettert ist.

E: Die haben versucht, mit ihrem Führer zu sprechen, aber der hat sie nicht gehört. Ich konnte auch den Grat sehen, aber ich habe nichts gehört.
R: Aber er hat sie gesehen.

Ich weiss nicht wie nahe das zusammen ist, von der Schreckhornhütte zum Grat.
R: So tausend Meter.
E: Nein das reicht nicht. Ja man geht von der ist die Schreckhornhütte.
R: Früher war es die Strahlegghütte, aber die gibt’s nur noch als Ruine. Ich bin da mit Erika später nochmals hochgegangen, weil man da von der Ruine der Strahlegghütte aus das Schreckhorn so schön einsieht.

Ich fotografiere ihn, wie er auf dem Bild zeigt, wo’s passiert ist, er erzählt mit ruhiger Stimme und zeigt, wo er abgestiegen ist.

R: Ich habe mal eine Tour geführt zum Dürrenhorn, da habe ich gemerkt, dass der Schnee zu weich wurde, da habe ich im Abstieg nur drei Seile zusammengebunden und oben zur Fixierung einen Pickel vergraben. Ich habe dann den Leuten gesagt, sie sollen nicht mehr einseilen, sondern nur schnell am fixen Seil absteigen. Und wirklich, als Erika als letzte runterkam ging dann die Lawine ab und hat sie mitgerissen, weit über den Bergschrund hinaus und sie hatte nur ne kleine Schramme ab. Das war aber sicherer als wenn alle am gleichen Seil eingebunden gewesen wären. Weil dann hätte es alle mitgerissen.
E: Ja, ein Glas von der Gletscherbrille war weg, der Helm war aber noch auf. (lacht)
R: Ja ich ging dann wieder hoch zum den Pickel holen und dann sind wir nur noch schnell abgestiegen.

R: Ja man weiss es vorher oft nicht richtig, dass es im Sommer Lawinen geben kann.
Ich erwähne ein Unfallserie am Montblanc und das Jungfrauunglück mit den sechs Soldaten vom Sommer 2007 und den Unfall vom Frühsommer 2009 am Palü. Bei diesen Unfällen sind im Sommer Schneebretter losgegangen.

E: Ja man wird da schon viel vorsichtiger,
R: Ja die Schweizer Armeebergführer, die haben das an der Jungfrau einfach durchgezogen.

Wie ist denn das mit der Gruppendynamik? Verhält man sich auch in den Bergen anders, wenn man in einer Gruppe ist. Dass man sich hochpuscht.
E: Das geht schon los, wenn man losgeht, dann gehen sie schon alle schnell, sieht ja schlecht aus, wenn man als letzter geht. Und so geht das weiter. Jeder will zuforderst gehen. Wenn ich alleine gehe, frage ich mich ob ich das kann oder ob’s zu gefährlich wird.
R: Keiner will kneifen.
E: Und so geht das weiter, da in der Gruppe fühlt man sich sicherer. Wenn ich allein gehe, dann bin ich schon vorsichtiger, aber in der Gruppe sagt auch keiner je etwas, Frauen sagen schon eher mal dass ihnen was nicht gefällt, aber Männer sagen da nie etwas, die wollen einfach hochgehen.
R: In der Gruppe fühlt man sich schon sicherer.
E: Man denkt in der Gruppe nicht mehr dran.
R: Grad durch solche Erlebnisse wird man noch vorsichtiger.

Ich erzähle von meiner Lawinenverschüttung, da wirkt Raimund viel betroffener als bei der Erzählung seiner eigenen Geschichte.

Raimund führt noch kleinere Touren, er hat Artrose in den Fingern und kann so nicht mehr klettern.
R: So kann ich nicht mehr zum Matterhorn hoch. Skitouren, das geht noch und wandern.
E: Jede Woche treffen wir uns mit dem Alpenverein. Einmal zum Wandern und einmal zum Radfahren. Dann war ich mit den Senioren zum Mattstock. Klettern strengt uns mehr als früher.

Raimund will nochmals wissen, wie wir die Gruppe am Chrüz gefunden haben. Ich erzähle, wie es aus unserer Sicht war.
Ich: Die Zahl der zu versorgenden war viel zu gross für uns. Zwei von uns sind ins Tal gefahren um Rettung zu organisieren. Etwa drei Leute waren nicht mehr einsatzfähig, als sie gesehen haben, was passiert ist, und 6 von uns waren wirklich in der Lage die Verunfallten zu suchen, auszugraben, zu beatmen und Herzmassage zu machen. Das war zu viel bei 9 Verschütteten. Die, welche wir zuerst gefunden hatten, bzw, die sich selbst ausgegraben hatten, und die überlebt hatten, waren nicht in der Lage zu helfen. Wir liessen sie auch soweit im Schnee stecken, dass sie atmen konnten um sich selber langsam auszugraben, damit wir uns den ganz Verschütteten widmen konnten. So blieben 6 Helfer für 5 Schwerstverletzte mit Herzstillstand und Ausfall der Atemfunktion.

Die Zeit, die ich brauchte um die Geschichte zu überwinden vergleicht Erika mit den Geschichten der Kriegstraumatisierten. Darüber sprechen wir, dass es lange Zeit braucht um diese Erlebnisse zu verarbeiten.

Ich erzähle die Geschichte von Thierry Jaccard, Raimund bestätigt, das spätberufene Bergsteiger forscher gehen als solche, die jung anfangen.

R: Mir hatte die Sektion zum Abschied aus dem Vorstand einen Alpenrundflug geschenkt, da habe ich viele Fotos gemacht. Das waren noch die Diafilme, Erika hat immer nachgeladen. 6 Stunden sind wir über alle 4000-er geflogen, die ich bestiegen habe.

Am Abend:

Nach dem Besuch bei ihren Eltern traf ich noch Corinna Steinhoff. Als ich sie fragte, wie ihr Vater damals auf den Unfall am Schreckhorn reagierte, sagte sie, indem sie laut ausrief: "Ja da wurde er erstmals in seinem Leben menschlich!" In Ihm soll der Unfall eine Veränderung ausgelösst haben, dass er auf die Pflege von Sachwerten weniger Energie verwendet und sich vermehrt um Menschen kümmert, sich den Enkeln widmet uns gelernt hat, auch mal eine Fünf gerade sein zu lassen.
27.8.09 Max Bietenholz


Vom Klausenpass steige ich Richtung Clariden auf, allerdings nur mit dem Ziel bis zum Gletscheranfang, dem legendären Iswandli zu gehen.

Der Weg führt zuerst über Grashänge und kuhfladengesättigte Rinderweiden. Bald lasse ich aber die bewirtschaftete Zone hinter mir und fange an, mit meinen Bergschuhen brüchigen Schiefer zu Lehm zu zertreten. Der Berg nimmt meine Spuren an und ich schwitze unter dem Diktat der Steilheit und der sengenden Sonne.
Ich folge Wegspuren, die hinauf zum Gipfel zu führen scheinen, ich wähle zwischen solchen, die eher nach Gemsspuren aussehen und solchen, die eher nach der Hinterlassenschaft eines Gewitters aussehen. Alles was bergauf führt ist mir recht. Der lehmige Anteil des zerkrümelten Schiefers klebt an meinen Schuhen, bis er getrocknet abfällt oder bis er von einem durchwateten Bächlein abgewaschen wird.
Auf den Schiefer folgt ein heller, schafkantiger Schrattenkalk, der nur in grossen Brocken bricht und sich lieber vom Wasser die weicheren Teile ausspülen lässt, als in Bruchstücke zerfallen zu Tale zu kollern. Dicht unter diesem Riff aus hellem Kalk, das eine Hinterlassenschaft der Kreidezeit ist, steht eine Tafel aus grünlichem Gneis mit einer Inschrift: Hier starb Max Bietenholz Kromer am 25. August 1960. Fast genau 49 Jahre bevor ich seinen Stein entdecke ist er an dieser Stelle gestorben. Kein Wort weshalb der Mann hier starb, keine Altersangabe erläutert den Tod, der hier Max Bietenholz eingeholt hatte. Lawinen gibt es hier im August keine, Steinschlag wäre denkbar. Dass ein Stein weiter oben ins Rollen gekommen wäre und seinen Weg über das kompakte Kalkriff hinunter in vielleicht grossen Sprüngen kullernd und von weitem lustig anzusehen kleine Steine mit sich in die Tiefe reissend vielleicht den halben Hang in Bewegung setzend zu Tale gedonnert wäre. Ein schwefelstinkender Umzug aus Kalkbrocken, Schieferplatten mitrutschend und in der Luft Kapriolen schlagend, ein Ungetüm von Bergsturz vielleicht, das genau darauf aus war, den Max Bietenholz, der hier einen Spaziergang vom Pass aus machte, vielleicht mit Hund und Frau, die ledig Kromer geheissen hatte, oder mit Enkelkindern oder Schwiegertochter, ja wer weiss denn die Umstände, unter denen Max Bietenholz hier vom Tod ereilt worden ist. Am 25. August 1960. Jedenfalls war es seiner Familie wert, den Ort zu bezeichnen, dass ihr Max Bietenholz nicht an irgendeinem Ort auf der Welt gestorben ist sondern auf dem Weg zwischen Klausenpass 1948 m.ü.M. und der Planurahütte auf 2947 m.ü.M. oder dem Clariden Gipfel auf 3191 m.ü.M. Die Art, wie der Mann den Tod fand war der Familie nicht wichtig zu vermerken. So sachlich wie die Grafik der Schrift, in bester Manier der 60 Jahre des vergangenen Jahrhunderts, so sachlich wird die Tatsache des Todes an dem Ort vermerkt, wo dieser den Max Bietenholz ereilt hat. Ist er im Aufstieg vom Tod ereilt worden oder auf dem Abstieg? Hatte er eine glückliche Woche in den Bergen verbracht oder ist er zu einer solchen aufgebrochen mit dem Ziel, die finstere Westwand des Tödi zu durchsteigen? Oder ist er einfach nur vom Pass aus spaziert? Ist er wirklich von einem Stein erschlagen worden oder war es ein Unglück für das der Berg nicht verantwortlich gemacht werden kann? Hat ihn ein schneller Herztod niedergestreckt? Herzschlag statt Steinschlag? Oder war es eines der lärmenden Gewitter, die sich an schwülen Sommerabenden vom Schächental hinüber zum Urnerboden und nachts zurück kämpfen und die Berghänge mit ihrem brüllenden Donner erzittern lassen? Ein Blitz, dem es nicht genug war, in einen Felsen zu schlagen, sondern ein Blitz, der ein Denkmal wollte, und zu diesem Zweck den Max Bietenholz erschlug? Ihn vielleicht verbrannte, bis vom Max Bietenholz nur ein rauchender Haufen Asche blieb? Ich finde keine Lösung, Stein-, Herz- oder Blitzschlag sind möglich.
Nachdem ich neben dem Stein stehend einen Schluck aus meiner Flasche genommen habe, steige ich weiter über Felsstufen und Schuttfelder höher und höher. Die wackersten Urner sind die Steinmänner, die mir hier oben den Weg weisen und die auch im Winter tief eingeschneit, in einem eisigen Kleid Wache halten. Ich begrüsse jeden einzelnen der steinernen Gesellen und merke mir seinen Ort und sein Aussehen, um entlang ihrer losen Reihe den Abstieg auch zu finden, wenn Nebel den Berghang verhüllt. Mir scheint, ein lockerer Geselle wandere mit mir den Berg hinauf, ich kann ihn nicht sehen, doch scheint mir, da sei jemand. Ich spreche ihn an, doch gibt er keine Antwort. Ich nenne ihn Max Bietenholz, es schient ihm zu passen, und ich lasse ihn mit mir steigen. Wenn ich zu ihm spreche bleibt er stumm, doch bekomme ich den Eindruck, dass er durchaus zuhört. Ich erzähle ihm alles was ich vom Berg weiss, und er lässt mich erzählen, obwohl er die meisten Geschichten vom Berg wohl besser kennt als ich. Der gangbare Grat hinauf ins Chamlijoch wird immer schmaler und furchteinflössender. Gähnende Trichter öffnen sich zu beiden Seiten des Grates und scheinen den Bergsteiger in die Tiefe ziehen zu wollen. Hier stürzen jeden Winter Skifahrer, die nicht sorgfältig, wie auf Messers Schneide den Berg immer auf dem höchsten möglichen Punkt hinunterfahren in die Tiefe des Schächentals oder auf die Glarnerseite, die auch zu Uri gehört, den Urnerboden, der dort in der Höhe noch eine wüste Hochebene bildet. Des Tüfels Friedhof, heisst der gottlose Platz wo unter der abweisenden Nordwand des Clariden kein Gras wächst und wo herunterdonnernde Eistrümmer den ganzen kurzen Sommer lang das Grünwerden verhindern. Dort hinunter ist schon mancher Skitourenfahrer gestürzt und hat einen sicheren und schnellen Tod gefunden. Nach einigen hundert Metern Sturz im sehr steilen Gelände, über die vereisten Felswände und schafzackigen Schrofen hinunter auf die unbarmherzige Ebene steht keiner mehr auf. Neben mir geht schweigend der Geist von Max Bietenholz, ich plaudere mit ihm, ich weiss nicht, ob er sehen kann, was ich sehe, oder ob der Blitz, der ihn vielleicht erschlagen hat die Augen verbrannt hat, und so bleibe ich mit ihm in lockerem einseitigem Kontakt. Ich zeige ihm den Weg durchs Geröll und frage ihn, ob er schon hier war, bevor er dort unten auf 2200 Metern zu Tode gekommen ist. Er gibt keine Antwort, geht aber wacker mit und braucht bis hinauf zum Iswandli keine Verschnaufpause. So ein leichtes, flüchtiges, körperloses Wesen hat auch seine guten Seiten, denke ich, er braucht kein Wasser, muss sein schweissnasses Hemd nicht im kalten Wind der Höhe trocknen, muss kein Dörrobst mit sich tragen, lebt von der Luft, die immer gut und frisch ist, kann sich an der Sonne wärmen, wenn ihm danach zu Mute ist.

Der Blick hinüber zur Nordwand zeigt Erstaunliches. Statt unnahbar wie von unten zeigt sie sich hier auf Augenhöhe sozusagen zugänglich. Sie öffnet sich dem Betrachter und als wollte sie zu einer Eisklettertour einladen zeigt sie ihre Wölbungen, ihre steilen und weniger steilen Seiten. Nach einem eisigen Couloir im untern Teil legt sie sich etwas zurück und bietet dem ehrgeizigen Bergsteiger eine weisse Decke aus Firn an, die mit sicheren Tritten und guten Steigeisen wohl ohne grossen Sicherungsaufwand durchstiegen werden kann. Sie lockt, als wollte sie Besuch bekommen, wie eine Gaststube, die ihre Vorzüge auf die Hauswand schreibt. Hier gibt es flottes Eis. Hier kannst Du ein Held werden. Hier ist eine schöne Alternative zu meinem viel begangenen Nordgrat. Hier schaue ich rüber, vom Nordgrat zur Nordwand und entscheide mich nach einer kurzen, einseitigen Unterredung mit Max Bietenholz, auf dem Grat zu bleiben und den Weg bis hinauf zum Gletscher zu gehen und dann der Vernunft und ihren Wegweisern folgend wieder abzusteigen. Es gibt noch einige steile Stellen, die ich hinaufgehe, zum Teil mich mit den Händen an brüchigen Steinen festhaltend. Max Bietenholz bleibt immer an meiner Seite. Wortlos, aber ich fühle seine Gegenwart in der Gebirgseinsamkeit. Nach einer Steilstufe im Grat sehe ich am Horizont den Gletscher leuchten, hoch schwingt er sich über mir in den Himmel. Das Iswandli, an dem die Erstbesteiger 1853 mit ihren langen unpraktischen Eispickeln viele Stunden mühsame Hackarbeit verrichtet haben, bis ihnen die einer Tigerpranke ähnelnde Faust des Gletschers, die hier vom Chamlijoch hinunter ins Tal zu den Kühen auf der Alp einen eisigen Griff wagte, bis diese Tigerpranke mit so vielen Tritten versehen war, dass die Männer mit ihren genagelten Schuhen ohne Steigeisen, weil es diese noch nicht gab und erst noch erfunden werden mussten, genug Halt im steilen Eis finden konnten, dass sie darüber hinweg auf den flacheren Teil des Gletschers dringen konnten, und den Clariden Gipfel in weniger als zwei Stunden ohne weitere Schwierigkeiten bestiegen. Heute ist die Tigerpranke verschwunden, der Gletscher legt sich zurück, er ist sozusagen in Ruhestellung und sogar zu flach um noch blauschimmernde Eisstücke von sich ins Tal hinunter zu werfen und Wanderern und Kühen einen Schrecken einzujagen. Er hat aufgehört, sich donnern zu schälen, das äusserste Eis ins Tal werfend den Schmutz und Schutt, der sich auf seinem weissen Panzer angesammelt hat loszuwerden. Was einst bedrohlich hier oben gehangen hat und über Jahrtausende den Fels geschliffen hat, und was für pickelnde Alpinisten eine Herausforderung gewesen ist, lässt sich heute im Winter mit Ski überschreiten, ohne dass man den Übergang vom Felsgrund zum Gletscher unter der Schneedecke auch nur spürt. Ganz in der Nähe des Gletscherzunge ist ein Rettungsschlitten in einer Aluminiumschachtel verpackt und senkrecht auf den Fels gestellt, um im Winter, wenn an guten Tagen hunderte von Skitourenfahrern den Berg hochsteigen und dann über die verführerischen Hänge in flottem Tempo hinunter fahren, pulverscheestiebend sich einen Weg durch die menschenfressenden Trichter suchend, wenn diese Skitourenfahrer bei einem Sturz sich verletzen und nicht aus eigener Kraft den Weg ins Tal finden können, dann werden sie mit gebrochenen Beinen, mit ausgerenkten Schultern und verdrehten Knien auf den Schlitten gezurrt, wie eine Wurst gebunden und mit Decken gewärmt, damit sie nicht erfrieren und so ins Tal gefahren, damit nicht noch viele solche Tafeln hier zu stehen kommen wie die für Max Bietenholz. Max Bietenholz zeigt keinerlei Zeichen von Unruhe. So wie ihn der Aufstieg nicht ausser Atem gebracht hat, bleibt er auch ruhig, als ich an dem Rettungsschlitten vorbei bis an den Rand des Gletschers schreite. Max Bietenholz ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Die 49 Jahre, die seine Seele schon hier oben am Klausenpass wohnt, haben ihn an alles gewöhnt, aber ich habe den Eindruck, dass er sich über die Wanderung mit mir freut. Eine Gruppe englischer Bergsteiger ist dort oben damit beschäftigt, sich anzuseilen, doch wir wundern uns, wie umständlich sie das tun. Keiner weiss so recht, was wohin gehört, und in welcher Reihenfolge sie sich einbinden sollen. Ihr Weg soll sie von der Gletscherzunge in zwei Stunden zur Planurahütte führen. Ich setze mich auf einen Felsen und geniesse den Blick in die Runde. Die Jägerstöcke auf der anderen Talseite umgeben sich mit einem Wolkenkranz, die Silberen, die das Muotathal vor meinem Blick versteckt, hat sich schon eine dicke Nebeldecke übergezogen und wie ein riesiger Mahlzahn schabt die Grosse Windgälle an der Wolkendecke, die langsam von Westen her den Himmel überzieht. Nach einigen Bissen Brot, etwas gedörrtem Obst und guten Schlucken Wasser nehmen ich den Abstieg unter die Füsse. Jetzt geht Max Bietenholz vor mir her, er weist mir den Weg, er ist ja hier zuhause seit dem 25. August 1960 und kennt sicher jeden Stein. Sicher führt er mich über die steilen Hänge, durch brüchige Bänder und durch das kleine Labyrinth aus ausgewaschenem Schrattenkalk, bis wir wieder bei seinem Gedenkstein angelangt sind. Er scheint sich von mir zu verabschieden. Ich sage ihm auch Adieu und bedanke mich für die Begleitung. Dann nehme ich nochmals einen Schluck aus meiner Flasche, schütte den letzten Rest vor seinen Stein und springe locker die letzten 25o Höhenmeter hinunter zum Klausenpass, wo mich mein Auto erwartet.

Mittwoch, 26. August 2009

Schlafplatz in luftiger Höhe

Eine Predigt zur Abdankung eines Bergsteigers

Viele Wege führen zu Gott, einer geht über die Berge."
Reinhold Stecher
http://www.we-wi-we.de/predigten_tod_am_berg.htm#Ablauf der Liturgie
Aufbruch.

Abschiedsfeier für Hans Maes
erfroren am 13.-14. September 1998
am Pößnecker-Klettersteig-Sella in Wolkenstein/Gröden
Eucharistiefeier in der Kapelle der KHG Düsseldorf
am 25. September 1998

Lukas 24, 13-35: Die Emmaus-Jünger

Ablauf der Liturgie
Meditative Orgelmusik
Evangelium nach Lukas
Lukas 24, 13-35: Die Emmaus-Jünger
Wir gehen schweigend zum Friedhof Stoffeln.
Begrüßung
Rüdiger Kerls-Kreß, KHG Düsseldorf
Lied
Meine Zeit steht in deinen Händen
Vor Friedhofskapelle wir grüßen Hans Maes zu seinem letzten Aufbruch
Liturgische Eröffnung
Predigt
Gebet am offenen Grab
Lied [GL 621]
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr Lied zur Gabenbereitung
Wenn das Brot, das wir teilen
Symbole
Wasser, Weihrauch, Erde, Kreuz
Gebet [ commUNity 17.09.98 ]
Sanctus-Lied [GL 469]
Gebet für Verstorbene und Lebende
Lesung
"Die schwersten Wege für R. H." von Hilde Domin
Schlussgebet
Ich werde nicht sterben
Abschließendes Segenswort
Lied
Von guten Mächten treu und still umgeben
Lied
Christ ist erstanden
Segen
Irische Segenswünsche


Renata, lieber Rafael,
verehrte Eltern L. und H. M., liebe Geschwister von Hans,
verehrte Eltern H. und O. V.,
lieber Christian und liebe Geschwister von R.,
liebe Verwandte und Freundinnen und Freunde von H. und R.,
queridos amigos argentinos,
liebe Studierende und Kolleginnen und Kollegen der KHG Düsseldorf,
Schwestern und Brüder im Glauben!

"Und sie brachen in derselben Stunde auf" so haben wir am Ende der Geschichte der Emmaus-Jünger gehört. "Aufbruch" ist auch das Thema, das Du, R., der Todesanzeige für H. vorangestellt hast, als Über-Schrift über die Sella-Gruppe, wo H. in den späten Stunden des 13. Septembers schlafend erfroren ist. Den Gipfel des Puiz Selva mit gut 2.900 m hatte H. am frühen Nachmittag hinter sich gelassen, im Gipfelbuch steht sein Name. Dass H. damit auch den Gipfel seines Lebens überschritten haben sollte, konnte an diesem strahlenden Sonntagmorgen keiner von uns ahnen. Die Zeit am Gipfelkreuz des Puiz Selva wurde so für H. zur Vigilfeier des Festes "Kreuzerhöhung", das die Kirche am 14. September feierte. Im Kreuz ist Sieg, im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben. Das Gipfelkreuz ist Ausdruck dieses Glaubens.

Diese Fest-stellung lindert nicht den Schmerz, bemächtigt nicht die Ohnmacht, hebt Wut und Trotz nicht auf, ist aber das "Trotz-dem", e i n e mögliche Antwort des Glaubens, gleichsam ein geistlicher Karabinerhaken. Die Emmaus-Jünger nehmen ja auch Reißaus vor dem Kreuz, kehren der Stadt des Kreuzes den Rücken zu, begreifen das Zeichen des Kreuz nicht. Unterwegs reden sie miteinander, lassen einander teilhaben an der jeweiligen Verständnislosigkeit. In ihrer Hoffnungslosigkeit suchen sie Sicherheit in der Rückkehr zum Alten, Vertrauten, Gewohnten. Sie, die Jesus so nahe waren, haben ihn noch nicht begriffen, konnten ihn noch nicht begreifen. Auch ein Thomas vertraute nicht dem Wort, Er ist auferstanden. Thomas wollte berühren, um zu begreifen. Das Kreuz kann zunächst Angst machen.

Wir HochschulseelsorgerInnen haben auch viel geredet in diesen Stunden und Tagen in Brixen, seit wir fest-gestellt hatten, dass H. aufgebrochen war. Wohin war er aufgebrochen? Warum war er aufgebrochen? Wozu war er aufgebrochen? Dass es der verbindliche und letzte Aufbruch werden sollte, wusste H. nicht. Denn in seinem Zimmer 347 im Priesterseminar in Brixen lag noch ein Südtiroler Fladenbrot, ein Stück Käse, zwei Flaschen Schweppes Tonic für eine zweite Bergtour am Montag. Ab Montag Abend wollte er an der Tagung der Konferenz für katholische Hochschulpastoral teilnehmen. Bei der Eröffnung der Tagung vermissten H. einige wenige Kolleginnen und Kollegen. Dann fehlte H. einfach allen TeilnehmerInnen. Wir blieben traurig stehen, vereinzelt, in kleinen Gruppen, während die Tagung zum Gehen kam. Wir konnten die "Botschaft der Berge" [Reinhold Stecher] noch nicht begreifen. Wir hatten nichts zum Begreifen.

Abstrakt und bibeltheologisch weiß ich, dass durch die Heilsgeschichte hindurch Berge die Orte sind und waren, an denen Gotteserfahrungen sich ereigneten und ereignen können: der Berg Horeb, der Berg Carmel. Jesus selbst betete immer wieder auf einem Berg. Und Jesus führte seine Jünger auf dem Weg nach Jerusalem auf einen Berg, den Berg der Verklärung, um ihnen eine Idee, eine Anschauung dessen zu geben, was über Leid und Kreuz hinausweist. Und viele von euch wissen das alles auch.

Da ist dann aber auch die existentielle Begegnung mit dem Berg. Jene körperliche Anstrengung, die physische Erschöpfung, die geistlichen Gewinn bringt: das Hintersichlassen des Alltags, das freie und tiefe Atmen, der Blick aus der Höhe und der Blick in die Tiefe. Das Grenzenlose zwischen Himmel und Erde spüren, wenn Wolken mich einhüllen und Wind durch die Poren die Haut neu zu beatmen scheint. Dem Grenzenlosen unendlich nah: Gott.

"Viele Wege führen zu Gott, einer geht über die Berge." Reinhold Stecher, der Altbischof von Innsbruck, stellt diese Aussage an den Beginn seinen meditativen Buches "Die Botschaft der Berge".

Aufbruch in den Berg heißt immer, etwas hinter sich zu lassen, etwas unter sich zu lassen, sich auszustrecken nach oben, sich dem Unnahbaren zu nahen.

H. hat darum gewusst, hat daraus gelebt, dass der Unnahbare Gott, sich uns genähert hat: in Jesus von Nazareth. Und H. wusste um das Kreuz als Ärgernis und Torheit und um das Kreuz als Zeichen des Heils. In seiner Bibel [gezeichnet "3.8.1981 H. M."] hat er aus unserem Emmaus-Evangelium den Satz unterstrichen: "Wahrhaftig, der Herr ist auferweckt worden und dem Simon erschienen!" Diese befreiende und frohmachende Botschaft wurde den Emmaus-Jüngern zugesprochen, nachdem sie aufgebrochen sind. Aufbruch eröffnet neue Horizonte, ermöglicht Erfahrungen, führt zur Begegnungen mit anderen, bildet Gemeinschaft.

Aufbruch ist immer riskant. Aufbruch ist die Einladung, Gewohntes, Vertrautes, Routine hinter sich zu lassen. Aufbruch ist Quelle neuen Lebens.

Der Aufbruch in den Pößnecker-Klettersteig kann als Gleichnis zur Anfrage an uns als Einzelne, als Hochschulgemeinde, als Kirche werden. Der Berg als Gleichnis deines, meines, unseres Glaubenslebens. Als geistliche Herausforderung für das Leben, für das Leben danach, für das ewige Leben.

Da gibt es viele Glaubenslandschaften, die bequem mit dem Auto, dem Bus erreichbar sind, auch wenn sie nicht auf unserem Lebensweg liegen. Geistliche Verkehrsmittel gibt es zahlreiche. Als geistlicher Tourist kann ich sie umfahren, hinter dem Fenster vorbeiziehen lassen und zurückkehren mit den Bildern einer blühenden und faszinierenden Landschaft. Geistlicher Massentourismus ist Mode: [fast] zum Nulltarif, sicherlich keimfrei, kaum langfristig ansteckend.

An einigen Stellen gibt es Haltepunkte, um den Glaubenslandschaften direkt und unvermittelt zu begegnen. Oft haben wir aber wenig, zu wenig Übung, geistliche und körperliche, um den Haltepunkt zum Ausgangspunkt für einen Aufbruch zu nehmen. Wir lassen uns beeindrucken von den Rastplätzen und Kaufbuden, wo uns geistliche Andenken wohlfeil angeboten werden. Das geistliche Geschäft scheint zu blühen, zumindest treibt es Blüten, manchmal auch Blüten in die Kassen.

Mancher Wallfahrer mutet sich auch einen Spaziergang in der neu entdeckten Glaubenslandschaft zu. Da gibt es Angebote für den Mann mit Birkenstock-Sandalen und die Frau mit dem eleganten italienischen Schuh. Sie erfreuen sich an den satten Weiden des Glaubens und stolpern, wenn die amtlich asphaltierten Wege in das Unterholz führen. Dann wird auch das geistliche Leben so erschreckend konkret und wirklich, da gibt es viel Schatten und kühle Brisen kühlen den strahlenden Übermut manches Schönwetterchristen.

Einige haben schon Erfahrungen mit geistlichen Übungen und wissen, dass es ohne geistliches Rüstzeug keine Gotteserfahrung am Berg gibt. Sie finden wir dann auf den ansteigenden Bergwegen, wo Wurzeln und Steine den raschen Schritt bremsen und unerwartete Wasserläufe zu scheinbaren Umwegen führen. Solche Menschen leiden am Raubbau, auch dem geistlichen, den andere und Institutionen in der geistlichen Landschaft betreiben. Da werden geistliche Rennbahnen durch schützenswertes geistliches Gelände geschlagen, mancher keimende geistliche Trieb wird betoniert und fällt der Begradigung zum Opfer.

Nicht wenige Menschen verfügen über eine geistliche Grundausstattung, die es zulässt, sich in größeren Höhen der Glaubenslandschaften sicher zu bewegen, wenn geistliche Klettersteige als Hilfestellungen geboten sind. Da braucht es dann Gurte und Haken, geeignete wetterfeste Kleidung, eine Notration gegen geistliche Dürre und seelischen Hunger. Und es braucht das Vertrauen, dass andere den Klettersteig pflegen und hegen, dem ich mich anvertraue. Ausdauer ist erforderlich und der Mut, umzukehren, wenn ein geistlicher Klettersteig beim ersten Male zu anstrengend ist, meine Vorbereitung nicht ausreichend, oder geistliche Wetterlagen das Leben bedrohen können. Der Lohn der geistlichen Anstrengung ist eine geschenkte Nähe zu sich selbst, das Mitfühlen mit und in der Schöpfung, das Anwehen des Geistes, den wir den Heiligen Geist nennen. Der Lohn der geistlichen Anstrengung ist auch eine geistliche Weite, die viele engen Täler relativiert und der Vielfalt des alltäglichen geistlichen Lebens Raum lässt.

Für viele ist es dann eine Überraschung, dass es sich in den geistlichen Höhen wohl leben lässt, dass es Räume gibt, die zum Verweilen einladen, dass es Ruhe, Sonne und Wärme gibt und eine Fülle an Farben, an die sich die geistlichen Augen nur langsam gewöhnen. Da kommt dann die Versuchung, die uns Markus in seiner Verklärungsgeschichte überliefert. Der Petrus, der Fels, will drei Hütten bauen, will sich niederlassen, will die Höhe festhalten. Markus bemerkt in seiner sympathisch-frechen Art, der Petrus wusste halt nicht, was er reden sollte.

In diesen Höhen geistlichen Lebens drohen auch Gefahren, globale Klimaänderungen, lokale Gewitter und nicht wenige hausgemachte Probleme drohen. Statt vorhandene Klettersteige zu hegen und zu erhalten, werden sie für den geistlichen Massentourismus bereitet. Die Freiräume zwischen den Sicherungen werden enger gesetzt, Wege ohne Grund umgeleitet, gekannte und vertraute gefährliche, aber freimachende Grate, werden großräumig umgangen. Manchem hauptberuflichen Bergwächter sind die zu gehenden Wege, die begehbaren Wege und die neu zu schaffenden Wege selbst nicht [mehr] vertraut. Sie gleichen Petrus, der auf dem Gipfel des Glaubens einmal angekommen meint, durch das Hütten auf dem Berg könnte Himmel und Erde zusammengehalten werden. Und diese Bergwächter gibt es nicht nur in den geistlichen Höhen einer Sella-Gruppe, die finden wir auf den Sandhügeln unserer Städte und Dörfer, die finden wir, wenn wir nur genau hinsehen, sogar auf unserem jeweiligen geistlichen Misthaufen vor der eigenen geistlichen Hütte.

Es folgt aber auch für einen geistlichen Hochleistungssportler der Abstieg vom Gipfel, der Weg nach unten in die anderen Wirklichkeiten des Lebens. Selbst dem geistlichen Spaziergänger bleibt dieser Weg von seinem Gipfel hinab nicht erspart.
Und beim Aufbruch nach unten, in das "wirkliche" Leben, da erklärt Jesus seinen Jüngern, er müsse leiden, er werde am Kreuz sterben, aber er werde auferstehen am dritten Tag. Es sollte der Ölberg sein, wo sein Leidensweg beginnt, ein harmloser Hügel vor den Toren von Jerusalem. Und auf einem anderen Hügel, der Schädelstätte, stehen die Kreuze, die Schandmale seiner Zeit. Erreichbar für jeden geistlichen Voyeur. Sein Kreuz wird in der Mitte zwischen zwei anderen stehen. Der Himmel schwarz! Sein Leben zu Ende!

Warum also nicht Jerusalem den Rücken zu kehren, wie es die Emmaus-Jünger taten? Warum nicht über das Unfassbare reden? Warum nicht verwundert sein, wenn andere scheinbar ahnungslos sind? Jesus, der Erhöhte und Auferstandene, holt seine irritierten, hoffnungslosen Jünger ein. Er bricht ihnen das Brot. Daran erkennen sie Ihn. Und sie sind fähig zum Aufbruch.

Auch R. und wir alle waren irritiert und hoffnungslos und orientierungslos, als wir den aufgebrochenen H. suchten. R.s Schmerz und der unsere machten uns sprachlos und hilflos und wir redeten oft so irr und wirr, wie die Jünger von Emmaus. Ich spürte, dass Sein Kreuz mein Kreuz belastete und mein Primizspruch "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt" [1 Petr 3,15] mindestens einige geistliche Schuhgrößen zu weit war.

Die schrecklich befreiende Nachricht, dass der leblose Körper von H. gefunden sei - es war am 17. September, dem Fest der Heiligen Hildegard - , setzte bei uns geistliche Energien frei. Wir trotzten Gott mit einem trotz-dem. Wir lassen Gott nicht aus der Pflicht. Wir muten uns Ihm wieder und wieder zu. Ja, mehr noch: wir danken ihm trotz-dem.

Deshalb feiern wir heute in der Eucharistie das Letzte Abendmahl, feiern Seinen Tod und Seine Auferstehung und Sein Versprechen, dass Er auch unseren Tod nicht will, sondern uns vorangegangen ist, um Wohnung zu bereiten. Und wenn jemand hier unter uns ist, der zweifelt, der sich sorgt, es könnte doch Vertröstung sein: schau auf Thomas! Der fragt Jesus ganz offen: Wohin gehst du und wie kommen wir dorthin? Und Jesus antwortet ihm: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Und das glaube ich, mit Trotz und trotzdem, dass H. am Berg erfroren ist, weil der Schnee und die Kälte ihn umhüllten. Trotzdem, mit Trotz und in Hoffnung.

Da liegt für mich die "Botschaft der Berge", die uns H. wahrzunehmen nötigt durch seinen Tod: Habt den Mut zum Aufbruch! Macht Euch auf den Weg in geistliche Höhen! Aber trainiert und achtet auf euer geistlichen Rüstzeug. H. hatte sich eine lange Liste angelegt, was er nach Brixen mitzunehmen hat, damit der Aufbruch gelingt. Brechen wir auf: in seiner Familie, in der KHG Düsseldorf, in der Kirche in Deutschland, in der Ökumene, einfach: wagen wir einen Aufbruch in die vielfältigen geistlichen Landschaften unseres Glaubens an den Auferstandenen.

Am Anfang hatte ich drei Fragen gestellt, auf die ich euch und mir die Antworten schuldig geblieben bin. Es sind Versuche einer Antwort, weil H. mir Bilder für eine Antwort nahe gelegt hat, die ich mit meinen Augen lese.

Wohin war er aufgebrochen? Die Antwort kennen wir vom Ende des Aufbruches her: in den Pößnecker-Klettersteig der Sella in Wolkenstein/Gröden. Den Weg von H. könnt ihr nachvollziehen auf dem Bild des Liturgieblattes.
Warum war er aufgebrochen? Die Antwort hat H. sich selbst gegeben mit einem von zwei Zeitgutscheinen, die er beim comUNIty-Gottesdienst am 12. September 1998 sich selbst geschenkt hatte: "Zeit für die Natur, ihre Farben, Gerüche, Geräusche wahrnehmen". Die konnte H. beim Aufstieg in vollen Zügen genießen.

Wozu war er aufgebrochen? Ob H. dazu den zweiten Zeitgutschein eingelöst hat, kann ich nicht beantworten, das bleibt sein Geheimnis. Auf dem zweiten Zeitgutschein steht: "Zeit, die ich brauche, um zur Ruhe zu kommen".


Gott schenke H. die ewige Ruhe!

Und Du, H., begleite unsere geistlichen Aufbrüche und warne uns, wo Frost und Eis, Schnee und Kälte in unserer, deiner Kirche das Leben von unten bedrohen. Bitte den Parakleten, den Beistand, den Tröster, dass er uns in dieser Stunde nahe ist. Aber noch mehr in den Wochen und Monaten, die folgen, dass dein Tod uns nicht lähmt, deine Aufbrüche auf unsere Weise weiterzuführen. Amen.

Lesung
"Die schwersten Wege für R. H." von Hilde Domin

Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.
Selbst der Tote der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt
steht uns nicht bei
und sieht zu
ob wir es vermögen.
Die Hände der Lebenden die sich ausstrecken
ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.
Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt den der Fuß
noch nicht gegangen ist aber gehen wird.
Stehenbleiben und sich Umdrehn
hilft nicht. Es muss
gegangen sein.

Eine Kerze in die Hand
wie in den Katakomben,
das kleine Licht atmet kaum.
Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne die Gnade
nicht leben können:
die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags,
du bläst sie lächelnd aus
wenn du in die Sonne trittst
und unter den blühenden Gärten
die Stadt vor dir liegt,
in deinem Hause
dir der Tisch weiß gedeckt ist.
Und die verlierbaren Lebenden
und die unverlierbaren Toten
dir das Brot brechen und den Wein reichen -
und du ihre Stimmen wieder hörst
nahe
bei deinem Herzen.

aus: Hilde Domin, Gesammelte Gedichte, Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1987, S. 118-119

Recherche


Um meine Masterarbeit mit Bildern zu dokumentieren, und einen Teil der Erzählung dem Auge zu überlassen, reise ich jetzt regelmässig in die Berge um Leute zu interviewen und Fotos von Orten zu machen, die mit dem Thema etwas zu tun haben.
Hier ein Aussicht aufs Bietschhorn von der Furkapasshöhe aus.

Besonders alte Gräber erzählen Heldengeschichten. Heute ist man dezenter geworden.





Friedhof Grindelwald









Einige Bergsteigergräber vom Friedhof von Orsière


Cabanne d' Orny?

Ist das nicht die Cabanne d' Orny? Hatte der Verstorbene einen Bezug zu dieser Hütte?

Gräber der Soldaten, die 1949 an der Tête Blanche während der dritten Durchführung der Patroullie des Glaciers abgestürzt sind





Nach 50 Jahren gedachte man der Soldaten noch einmal. Die Partoullie wurde nach dem Unfall für 30 Jahre ausgesetzt, findet heute aber wieder statt und stösst auf grosses Interesse aus dem In- und Ausland.


Bei Menschen, die am Berg verunfallt sind wird, wird darauf auf dem Grabstein oft mit einem Seil und einem Pickel hingwiesen.
Bei Bergführern, die in Ausübung ihres Berufes aber auch wenn sie in hohem Alter gestorben sind, wird das Beruf "Bergführer" meist auf dem Grabstein vermerkt.

Triumph des männlichen Willens

Forum Wissenschaft 2/2002

Moderner Leistungs- und selbst Erlebnissport ist meist nicht nur männlich, sondern auch "soldatisch" und national konnotiert, wie sich in der entsprechenden Literatur ebenso wie in der Medienberichterstattung unschwer feststellen lässt. Welche Denkmuster dabei zum Tragen kommen, wie diese historisch entstanden und aus der Eroberungsphase in die Erlebnisphase transportiert worden sind, zeigt Ronald Lutz exemplarisch an der Geschichte des Bergsteigens einschließlich der modernen Darstellung auf.

Es gibt im Sport einen originären Zusammenhang zwischen traditionalen männlichen Tugenden wie Disziplin, Kampf, dem Kriegsgetöse und einem versteckten Nationalismus. Das ist in der Moderne nur am Rande sichtbar, lässt sich aber am Extremen durchaus diskutieren. Insbesondere bieten sich hierfür die sportive Eroberung der Bergwelten und die Herausbildung des Bergsports zum Massensport an, die von der Betonung einer absolut gesetzten Männlichkeit begleitet werden, die bis heute andauert, auch wenn sich immer mehr Frauen auf den Bergen tummeln. Die Anwesenheit des weiblichen Geschlechts macht aus einer männlichen Welt noch lange keine andere.

Ich will diese Zusammenhänge aus dem bürgerlichen Alpinismus eines Eugen Guido Lammer herleiten, der explizit Bergsteigen als Kampf und als persönliche Herausforderung des Mannes darstellte. Sein "Wüten und Rasen" am Berg steht exemplarisch für Gehalte des Bergsteigens, die aus der Eroberungsphase in die Erlebnisphase der Gegenwart tradiert wurden.

Formierung moderner Tugenden

Lammer war einer der ersten, der nicht um der Berge willen nach oben stieg, sondern um seinetwillen. Er bereitete den Übergang von der reinen Eroberung der Berge zum Erlebnis vor. Dabei formulierte er die Tugenden, die, mit der Eroberung bereits konzipiert, fortan Grundlage für das Erlebnisbergsteigen werden sollten. Was von den Heutigen neusprachlich als Abenteuer, Wohlbefinden, Selbtverwirklichung usw. codiert wird, hat Lammer noch klar zum Ausdruck gebracht: "Derartige Stunden sind nicht mit Jahren aus dem Alltagsleben aufzuwiegen, sie sind für kulturmüde Nerven süßer als Morphium."

Lammer deutet das Extreme als eine Erotik des Rausches, einer totalen Wollust sowie einer Verausgabung und Ekstase in Todesnähe, die nur durch eiserne, männliche Disziplin, durch radikale Kasteiung des Leibes und durch den Sieg der Vernunft über den sperrigen Körper erreicht werden kann. Insbesondere die Todesnähe schärft dabei die Selbstwahrnehmung des Bergsteigers und stellt ihn in eine naturnahe Situation eines archaischen Kampfes in der Wildnis. Tod ist die regulative Idee, der Grenzwert und der Aufbruch in Selbsterkenntnis zugleich - erst in seiner Nähe wird der Mann am Berg sich seiner Besonderheit und seiner Kraft bewusst.

Vor der Negativfolie einer als platt und banal erfahrenen bürgerlichen Normalität lässt diese Todesgefahr das Leben spüren, sie bringt die Erkenntnis, dass es anderes gibt als die Alltäglichkeit im Tal: Das Flachland wird als großstädtische, von utilitaristischem Kalkül, Arbeitsfanatismus und Fortschrittswahn, vom Primat der Ökonomie und der Technik geprägte Zivilisation denunziert, die im Akt des Bergsteigens negiert und überwunden werden soll. Am Berg sucht man deshalb die Gefahr, um eine wahrhafte eigene Identität jenseits der Enge bürgerlicher Normalität zu erlangen: "Siegt mein Wille, meine Einsicht über elementare Widerstände, so offenbart sich das Göttliche in meinem Wesen: da schwindet alles niedrig Eitle, das enge Ich Eugen Guido Lammer verflüchtigt sich."

Das Aufgehen in einer größeren Einheit, das Sich-Auflösen in den Berg und in die Natur hinein, lässt Lammer einem "Übermenschen" gleich in eine größere Identität eintauchen. Getrieben vom Haß gegen alles Zivilisierte, alles Weibliche, alles Triebhafte am eigenen Körper sucht er die Stählung des Körperpanzers am Berg. Darin ähnelt er den soldatischen Männern und ihren Wahnideen, die Klaus Theweleit in seinen grandiosen Analysen der "Männerphantasien" für uns entworfen hat. Im Kampf gegen den eigenen Körper wird durch das Erreichen des "Gipfelsiegs" für kostbare Momente eine grenzenlose Zufriedenheit, das moderne Wohlbefinden, das den Sport angeblich so schön machen soll, erreicht: "Bist du, Suchender, zu diesem Gipfel des Gottfindens gekommen, dann fühlst du dich jenseits von Gefahr, dem Sport, jenseits der Furcht, für Augenblicke auch erlöst von der Qual des Ichs, das dich freilich noch umkapselt."

Die Qual ist damit nicht an ihrem Ende, sie gebiert lediglich die nächste Herausforderung, man(n) bleibt eben "umkapselt". Ist der Rekord erreicht steht er im Sport schon wieder zur Disposition. Das "citius, altius, fortius" kennt kein Ende, es ist eine unendliche Geschichte männlicher Tugenden der Leistung und der Disziplinierung der Körper, die zugleich als "Belohnung" einen kurzfristigen Rausch, ein ekstatisches Erleben im "Gipfelsieg" versprechen.

Dies aber benötigt strukturell die Welt jenseits des Alltags, die der Sport durch seine "Eigenwelt" zu gestalten vermag. Lammer hat dies vor allen SporttheoretikerInnen nahezu lyrisch rein auf den Punkt gebracht: "Du hast einen brennenden Durst nach neuem, tief wühlendem Empfinden. Drunten im Tal, im Alltagsleben, mit seiner armseligen Plage und Dürre kommen die Sensationen nur getröpfelt, dort ist die Lust spießbürgerlich gezähmt und gedämpft, das Leiden kleinlich dumpf und gemein. Droben aber, wo die zügelfreien Elemente horsten, da stürzt ihr den schäumenden Becher in selig-tiefem Zuge hinab, in der kühnen Sportleistung."

Etablierung des Helden

Lammer bezeichnet sich konsequent als "Fessellosen", dem es immer wieder gelingt, gelingen muss, die eigene Alltäglichkeit zu verlassen, um auf den Bergen die eigentliche Bestimmung zu finden. Dabei taucht schließlich der Begriff des Helden auf, der außerhalb der Kontinuität des Alltags steht und sowohl schicksalsergeben als auch schicksalsüberlegen ist. Die Geburt dieses Helden beschreibt Lammer erneut in lyrischer Klarheit: "Wenn einer von den Müden, deren Tausende unter uns wandeln, (…) einmal entdeckt hat, welch unheimlicher Reiz der Gefahr innewohnt, so wird er zuerst vielleicht nur an der passiven Gefahr, an dem prickelnden Hasardspiel um Tod oder Leben Gefallen finden, bald aber wird er sicherlich die weit feineren Genüsse kennen und lieben lernen: die Besiegung der Gefahr durch eigene Kraft, eigene Erfahrung, eigene Geistesgegenwart, intelligente Kombination, nimmer ruhende Ausdauer und viele andere Seiten seines Ichs." 5

Der Held im Sport (und nicht nur dort) ist wach, er stellt sich Gefahren und überwindet sie, er findet sich und erweitert sein eigenes Ich. Gezeichnet wird darin das Bild eines exklusiven und extremen Individualismus; gezeichnet wird das Bild einer aus der Masse herausragenden Männlichkeit. Ehre und Ruhm, als bürgerliche Muster des starken Mannes, sind eben jenen vorbehalten, die sich unerschrocken den Gefahren stellen, sie förmlich suchen. Das Duell als bürgerliche Form der Wiederherstellung von Ehre und sozialer Identität, als Ausweis des Individualismus und der Männlichkeit, wird auf die Berge verlagert, in eine zivilisationsferne Natur, wo das Authentische des Helden noch zum Vorschein kommen kann: der bedingungslose Kampf mit urzeitlichen Gefahren und die Nähe des Todes. In diesem Kampf, im Duell mit einem personifizierten Gegner, dem Berg, wird der Held real.

Mit der Etablierung des Helden in einer zivilisationsfernen Natur, bzw. im Sport generell, der eine Eigenwelt in der Zivilisation formt, werden zugleich Gesundheit und Körper betont: Nur ein gesunder Körper ist fähig zu diesen geistigen, moralischen und körperlichen Höchstleistungen am Berg. Zugleich aber gesundet der zivilisationsgeschädigte Körper und wird wieder zu dem, was ihm am Schreibtisch fehlt: ein starker und gestählter, aufrechter und kampfbereiter Körper zu sein. Daraus resultiert in einer neusprachlichen Wendung die besondere Bedeutung von Gesundheit und Wohlbefinden, die der Sport biete, um vom Alltag zu "relaxen".

Aspekte von Zivilisationskritik, der radikale Individualismus und der Topos des Helden, der in Bergeinsamkeit zu sich findet, sind bei Lammer konsequent als ein kulturelles Bild entworfen und begleiten fortan das Bergsteigen aus der Ära der Eroberung der höchsten Gipfel hinaus. Diese eingelagerten Bilder treten heute in neuer Verpackung hervor, die Sprache ist weniger martialisch, den modernen Diskursen adaptiert, dennoch sind die Metaphern präsent, wie es schon der frühe Reinhold Messner formulierte: "Die Berge können uns mehr geben. Viel mehr. Sie können uns von der Angst vor dem Leben heilen, sie können aus uns Nummern wieder Menschen machen (für kurze Zeit oder auch für immer). Sie können uns aus diesem tierisch ernsten Leben zwischen dem Gestänge unpersönlicher Fabrikgebäude emporheben. Sie lassen uns an die Hilfsbereitschaft der anderen wieder glauben. Sie zeigen uns ein Leben, für das die Technik keine Zeit läßt, und sie stürzen uns in Wirrnis von Schwierigkeiten, durch deren Mitte wir uns wie Abenteurer durchschlagen. Sie stecken Kraft in unseren verhockten Körper und sparen uns die meisten Krankheiten. Sie lehren uns warten."

Kampf und Krieg

Dem Bergsteigen ist ein steter Kampf beigemischt, immer wieder ist in der Bergsteigerliteratur die Rede von "erbitterten Kämpfen", von einem "gefährlichen Spiel mit dem Gleichgewicht". Es ein Kampf auf hohem Niveau, der das Besondere des Akteurs betont: "Die Kräfte des Menschen angesichts des Todes sind unerschöpflich. Wenn scheinbar schon alles zu Ende ist, hat er noch immer Reserven, doch es bedarf eines starken Willens, sie einzusetzen."

Stark können nur wirklich besonders begabte und disziplinierte Männer sein - Helden eben. Damit wird der nächste Kontext deutlich: Es sind Männer, die sich auch in der größten männlichen Herausforderung bewähren, dem Krieg, da sie voller "Durst nach Todesgefahr" sind, Abenteurer, die das Fade der Zivilisation schmähen und lieber ins Feld ziehen, um dort eine partielle Zufriedenheit zu finden.

Der Heldenmythos am Berg hat in der Tat eine unmittelbare Nähe zum Krieg, zunächst eine allegorische: Berge werden "belagert", es gibt "Angriffspläne", es findet eine "Generalstabsarbeit" statt. Die Szenarien ähneln "Feldlagern" und die Berichte über Eroberungen und Besteigungen haben Anklänge von Kriegsberichterstattungen. Die ganze Bergsteigerliteratur ist voller militärischer Ausdrücke, wobei sich das vor allem auf die Zeit nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg konzentriert: "Angriff und Endsieg", "Einkreisung", "verwundbare Stellen", "Nachschub", "Vorhut", "Festung", "Verteidigungsgürtel", "Schlacht um den Berg", "Blitzkriege", "Materialschlacht", "Gipfelsturm", "Zermürbungskrieg".

Doch es gibt auch Parallelen von Feldzügen und Expeditionen aus inhaltlichen Gründen: Der Berg muss eingekreist werden, um seine verwundbaren Stellen zu finden, er muss belagert werden, um den richtigen Zeitpunkt für seine Eroberung zu finden. Ersetzt man das Wort "Berg" durch "Feind", ergibt sich vielfach ein militärisches Feldszenario.

Auch in der Gegenwart schildert bspw. Jon Krakauer Szenen, die an Kriegsberichterstattungen erinnern: "Am Fuß des Berges, beim Aufstieg vom Basislager, waren sie an der Leiche von Liliane Barrard vorbeigekommen, dort, wo sie vor drei Wochen nach ihrem 3000-Meter-Sturz von den oberen Gipfelhängen gelandet war."8 Er beschreibt, wie beim Rückzug vom Gipfel tödlich erschöpfte Bergsteiger von ihren Kameraden liegen gelassen werden, um wenigstens die eigene Haut zu retten.

Bergsteigen in seinen extremen Varianten hat Ähnlichkeiten eines Mann-gegen-Mann-Feldzugs, es wird von kriegerischen Elementen durchzogen: "Der gesamte Charakter des extremeren alpinen Bergsteigens wird von jenem kriegerischen Element geprägt. Das Bergsteigen steht dabei zu den früheren Kampfweisen nicht bloß in einem Verhältnis des verharmlosenden Nachfolgerituals. Hier wird Kampf nicht bloß gespielt. Hier wird genauso ernsthaft, genauso wild und verbissen gekämpft, gesiegt oder verloren wie in jener Zeit, als der kriegerische Kampf noch zum Alltag der Menschen gehörte."

Der extreme Individualismus am Berg rekurriert dabei auf archaische Vorstellungen eines Duells, das durch eine Anthropologisierung des Berges ein Duell Mann-gegen-Berg ist. Die ritterliche Tradition ließ einen echten Krieger eben den Nahkampf suchen: "Der Edle gegen den Edlen; kauernd in Deckung zu gehen wie ein Bogenschütze war undenkbar. Selbst Tod und Niederlage waren dem geringsten Ehrverlust vorzuziehen."

Der Krieg ersetzte im Männlichkeitsbild die Jagd gegen Raubtiere und produzierte bzw. bestätigte zudem ein spezifisches männliches Verhalten, in dem es um den Beweis des Mutes und um die kühne Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod ging. Der Krieg als direktes Duell war ein "Sport" für harte Männer, die als Jäger unterbeschäftigt waren.

Das Duell mit dem Berg ist davon zwar weit entfernt, doch in seiner Grundstruktur enthält es Elemente dieser archaischen Kulturmuster. Es ist ein modernes Ritual, das sich neben anderen befindet, das Jagd, Krieg und die damit verbundenen Erfahrungen zu ersetzen scheint. Der Sport generell als Chance für Duelle spielt über das Bergsteigen hinaus eine große Rolle.

Setzte man im Krieg sein Leben aufs Spiel: - "Im Wortschatz des religiösen Militarismus war das "höchste Opfer des eigenen Lebens bringen" so bedeutsam, daß den Feind töten daneben fast in den Hintergrund trat" - so ist dies auch zentraler Bestandteil des Kampfes um den Gipfel, den Lammer als Opferrausch, als ekstatisches Toben dargestellt hatte, der ausschließlich auf das Ich bezogen war. Dieses kriegerische Element, das den Kampf mit dem Berg prägt und in seinen kulturellen Implikationen dem archaischen "Blutritual” nahe kommt, offenbart dem Subjekt Gefühle einer souveränen Kraft: "Es ist das Lebensgefühl des wilden Tieres oder des Steppenbewohners auf Büffeljagd.“ Der Krieg als "Erfahrungswelt sui generis" öffnet Männern "ein Reich der menschlichen Erfahrung, das vom Alltäglichen mindestens so weit entfernt ist wie das Heilige".13

Barbara Ehrenreich belegt in ihrem Buch über Blutrituale, über Kriegshandlungen in der menschlichen Geschichte, dass Kriege für bestimmte Bevölkerungsgruppen, die Mittel- und Oberschichten vor allem, eine Erlösung von Leere und Langeweile brachte. Es werden Gefühle aktiviert, die religiösen Charakter haben; es wird von einem Rausch gesprochen, in einem Kollektiv aufzugehen. Genau dies findet sich nicht nur auf einer allegorischen Ebene, sondern auf einer seelisch tiefen Erfahrungsdimension, auch im Bergsteigen. Das hat Eugen Guido Lammer für sich und seine modernen Nachfolger nahezu genial auf den Begriff gebracht; diese geistige und seelische Verwandtschaft dürfte der eigentliche Grund sein, weshalb seine Werke vom Vordenker der bergsteigerischen Diskurselite Reinhold Messner herausgegeben werden.

Der Kampf mit einer unberührten Natur, diese Auseinandersetzung mit der äußeren und der inneren Wildnis, ist es offensichtlich, der das Versprechen einer Befreiung von einer als banal empfundenen Zivilisation transportiert. Er wird zur großen Aufgabe, in der es keine Grenzen zu geben scheint. Die eingelagerte Eroberungslust ist sogar eine Vorstufe zum Krieg, jenem kulturellen Phänomen, das Männliches in seiner abendländisch tradierten Form in besonderer Weise zu betonen scheint. Die symbolische Bezwingung und Niederringung der Berggipfel kann als ein Ersatz für Kriegshandlungen, für Duelle auf Leben und Tod, vermutet werden.
Allmacht und Nationalismus

Das Bergsteigen als eine verdichtete Form männlicher Begegnungen mit Körper und Natur, männlicher Produktionen des Sports, gebiert seltsame Mischungen: Todessehnsucht, Verherrlichungen der Gefahr und einen "touch" Hybris des Übermenschen. Das klingt, als ob Menschen (Männer) aus ihrer Ohnmacht zur Allmacht wollten. Siegrist hat tatsächlich in seiner Analyse des Bergsteigens diesen Verdacht zum Ausdruck gebracht: Im Gipfelmoment wird "ein Gefühl der Allmacht" angestrebt.

Männlichkeit wächst am großen Berg aus ihrer Ohnmacht zu einer grandiosen Größe, die höchste Gipfel zu überragen scheint und somit durch nichts auf dieser Erde mehr überstrahlt werden kann. Die Grenzerfahrung schafft zudem das gesuchte Ich-Gefühl; es ist der Berg, an dem sich des Mannes Größe beweist: "Ja, der große Berg ist das Ziel. Wir müssen versuchen an ihm selbst zu wachsen."15 Diese Grenzerfahrung kann leicht zur Selbstüberschätzung werden: "Dass man die höchsten Punkte der Erde mit voller Sicherheit aus eigener Kraft betreten kann, (…) nährt den Glauben an die ungeheure Macht des menschlichen Willens, dem auch dort oben keine Schranken gesetzt sind."16

Aus diesem Glauben wächst eine gefahrvolle Selbstüberschätzung und somit wird eine problematische Einordnung in Ideologien möglich, die das Eigene, das man als stark und tapfer, als mutig und siegreich wähnt, dem Fremden, das man schwach machen will/muss um sich selbst zu erhöhen, als überlegen gegenüberstellt.

Es sind der Wunsch nach Befreiung aus Zwängen und die Suche nach Ursprünglichem, die das Bergsteigen der Mythologisierung des soldatischen Alltags so ähnlich machen. Das Heldische als das Männliche, das vielfach im modernen Leistungssport transportiert wird (paradigmatisch "Die Helden von Bern" im Fußball oder Boris Becker als "deutscher Heros"), aber im extremen Bergsteigen seine deutlichste Konturierung erfährt, "verkörpert" Werte und Tugenden, die notwendigerweise nicht nur im soldatischen Alltag von Bedeutung sind, sondern auch zur Identitätsbestätigung eigener Nationalität oder sogar eines anderen Nationen überlegenen Nationalismus dienen müssen. Der Held betont und belegt eben das Besondere, das Eigenartige, das Starke, indem er den Sieg über das als schwach empfunden Eigene oder das minderwertig und zugleich gefährliche Andere betont.

Konsequenterweise findet sich in der Bergsteigerliteratur ein mitunter enger Zusammenhang mit Nation und Volk, indem der Gedanke des Nationalismus auf den Bergsport übertragen wird. So hatte zwischen den Kriegen jede Bergsteigernation ihre Achttausender: "Es war als hätte in jenen Jahren eine Art stillschweigenden Übereinkommens bestanden, dass gewisse hohe Berge den Alpinisten bestimmter Nationen vorbehalten seien." Essenziell war dabei die Frage: Welcher Berg gehört zu welcher Nation? "Zunächst sind die politischen Großmächte an der Reihe: Großbritannien erhält den höchsten Berg, den Mount Everest, Frankreich reüssiert am ersten Achttausender, Italien schafft den zweithöchsten Gipfel, während Deutschland (dank einem Österreicher) endlich seinen Schicksalsberg Nanga Parbat bezwingt. Diese Auflistung ließe sich fortsetzen, und auch die USA, die Schweiz, Japan, Spanien, China, Indien, Pakistan und Nepal kommen auf ihre Rechnung!"

Offensichtlich waren Bergriesen dazu ausersehen, das Vaterland ins rechte Licht zu rücken und in die Reihe der großen Bergsteigernationen aufrücken zu lassen. Die Entdeckung des Unbekannten war dabei Bestandteil nationalistischer Expansionsstrategien; das galt in der Zwischenkriegszeit ganz besonders für die deutsche Bergsteigergeneration: "In Deutschland war unter dem Einfluss des Krieges und der harten Nachkriegszeit eine besonders entschlossene und anspruchslose Generation herangewachsen (…) Wir sahen eine Aufgabe darin, über die engen Grenzen unseres deutschen Vaterlandes hinauszustoßen."

Die Bestätigung der Männlichkeit am Berg war und ist zugleich eine "hommage" an die eigene Nation. Die Bergsteigerliteratur war und ist immer auch eine politische Literatur, die der eigenen Nation gewidmet zu sein scheint: "Letztlich will man immer wieder plausibel machen, dass gerade diese oder jene nationalen Eigenschaften genau die richtigen sind für die Erstbesteigung des betreffenden Achtausenders - mit der durchsichtigen Funktion nationalistischer Selbstbestätigung."20

Insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus galten die Berge als das soldatische, das nationale Übungsfeld an sich; sie waren der Ort des "Sonnenflugs des geläuterten deutschen Volkes". Rainer Amstädter hat diesen Zusammenhang grundlegend aufgearbeitet und die Involviertheit des Deutschen Alpenvereins (DAV) in den Nationalsozialismus und eine bis heute kaum wirklich aufbereitete Tradition wirrer Gedanken belegt. Es war zwar die gesamte Leibeserziehung, die als Übungsfeld galt, doch das Bergsteigen war aufgrund seiner Betonung gewisser Tugenden besonders anfällig: "Den Bergsteiger wie den Krieger macht allein das innere Erlebnis des Kampfes aus."21 Ihren Ausgangspunkt hatte dies vor allem auch darin, dass Bergsteigen traditionell als Anklage gegen alles Bürgerliche galt: "Ohne Schwierigkeiten lässt sich das Bergsteigen als Lebensform scheiden von allem, was wir bürgerlich nennen (…) Die Gefahr wird nicht gemieden, sondern aufgesucht und überwunden. Die Gefahr ist die Grenze zwischen Leben und Tod, ihre Überwindung ist die Tat, der Kampf. So stellt sich das Bergsteigen als eine Lebensform dar, deren Wesen der Kampf ist." 22

Die Gestalt des verwegenen Bergsteigers machte Bergsteigen zu einem Teil der totalen Mobilmachung. Gerade die kriegerische Weltanschauung des heroischen Nationalismus des Nationalsozialismus forderte die Züchtung des kämpferischen Typus zu dem das Bergsteigen einen zentralen Beitrag zu leisten hatte. Es wurde zu einer "Lebensform des Kampfes", zu einer "Erziehung des neuen Geschlechts" stilisiert.

Der DAV war nun nicht nur ideell, sondern vor allem auch personell tief in den Nationalsozialismus verstrickt. Die Aufarbeitung dieser Vergangenheit ist bis heute kaum wirklich vollzogen, Amstädter tituliert diese Nachkriegsgeschichte als ein "Vergessen und Verdrängen" bzw. als ein "Abwälzen der Verantwortung" und zitiert u.a. einen Nachkriegsfunktionär: "Der Alpenverein braucht sich dieser Geschichte nicht zu schämen. Man muß auch manche Stellen seiner Geschichte nicht hinwegschweigen. Es gibt nichts, über das nicht geredet werden kann. Die Sünden unserer Väter sind nicht tabu. Allerdings sind sie auch nicht von drängender Aktualität. Dem Historiker sind sie Stoff, den Gegenwärtigen Exempel, den Nachgeborenen aber nicht Schuld. Sie sind ein Kapitel Vergangenheit. Aber sie sind nicht tradiert."23
Und jetzt?

Tradiert wird allerdings der Kontext männlicher Tugenden, das Heldenhafte, das Kämpferische, das Zivilisationskritische, das durchaus eine gewisse Nähe zu Kriegsgeheul und der besonderen Betonung des Nationalen hat. Solange dieser Kontext des Leistungssports, der in modernen Sprachregelungen hinter Begriffen wie Leistung, Rekord, Wohlbefinden, Abenteuer und Erlebnis zu verschwinden scheint, nicht prinzipiell aufgearbeitet wird, sind solche Missbrauchsversuche noch immer denkbar.

Die nationale Bergbegeisterung hat sich gelegt. Es bleibt aber die Anfälligkeit der darin involvierten und transportierten Tugenden, da sich dahinter immer auch eine Betonung traditionaler Männlichkeit verbirgt. Diese sehe ich als zentralen Grund für die ungebrochene Überhitzung des modernen Sports, die allerdings im angedeutet modernen Gewand daherkommt.

Männliche Tugenden werden im Leistungssport eben besonders gefordert und gefördert, auch wenn dieser von Frauen ausgeübt wird. Das Beispiel des Bergsteigens zeigt exemplarisch Entstehungsgeschichte und Kontexte auf.
Anmerkungen

1) Lammer, zit in: Günther, Dagmar: Alpine Quergänge, Frankfurt am Main 1996, S. 172

2) Messner, R./Höfle,H (Hrsg.): Eugen Guido Lammer. Durst nach Todesgefahr, Augsburg 1999, S. 18

3) ebd., S. 19

4) ebd., S. 37

5) Lammer in: Günther, a.a.O., S. 75

6) Messner, Reinhold: Everest. Expedition zum Endpunkt, Frankfurt 1979, S. 10

7) Herzog, Maurice: Annapurna: der erste Achttausender, in: Uitz, Martin/Salkeld, Audrey (Hg.): Der Berg ruft, Salzburg 2000, S. 169

8) Krakauer, Jon: Auf den Gipfeln der Welt, München 1999 S. 247

9) Aufmuth, Ulrich: Zur Psychologie des Bergsteigens, Frankfurt am Main 1988, S. 167

10) Ehrenreich, Barbara: Blutrituale, München 1997, S. 216

11) ebd., S.27

12) Aufmuth, a.a.O., S. 22

13) Ehrenreich, a.a.O., S. 21

14) Siegrist, Dominik: Sehnsucht Himalaya, Zürich 1996, S. 145

15) Hermann Buhl zit. ebd., S. 159

16) Paul Bauer, zit ebd.

17) ebd., S. 293

18) ebd., S. 293

19) Bauer, zit. ebd., S. 293

20) ebd., S. 297

21) Amstädter, Rainer: Der Alpinismus, Wien 1996, S. 445

22) O.E. Meyer zit ebd., S. 446

23) Helmut Zebhauser zit ebd., S. 559
Prof. Dr. Ronald Lutz ist Soziologe und lehrt an der University of Applied Sciences FH-Erfurt Soziologie besonderer Le

Wie ich dazu kam

Ausgangslage

Bei der Wahl eines geeigneten Themas für meine Masterarbeit kam mir relativ rasch die Idee, meine Erfahrungen mit und mein Interesse für den Alpinismus ins Spiel zu bringen.
Selber bin und war ich nie ein grosser Alpinist, habe mich aber doch während rund 20 Jahren intensiv im Alpinen Gebiet bewegt. Als Kletterer, Wanderer, Skitourenfahrer und zeitweise auch als Tourenleiter für den SAC habe ich einen Einblick in eine Szene erhalten, die vielen Zeitgenossen beiderlei Geschlechts als eine Art Parallelwelt zum Alltag erleben lässt.

Während im alltäglichen Leben möglichst jedes Risiko vermieden oder doch wenigstens versichert wird, wird im Alpinismus genau dieses Risiko gesucht und die Grenzen des gerade noch Machbaren wird mit gezieltem Training und einer sich ständig verbessernden Technik immer weiter hinausgeschoben. So werden Berge besteigbar, die vor Jahrzehnten noch als unbezwingbar gegolten hatten und Routen, die vor kurzem noch mehrtägigen Expeditionen glichen werden von Spitzenkletteren in wenigen Stunden durchrannt.

Ein ständiger Begleiter bei den immer höheren Schwierigkeiten, die dabei gemeistert werden ist der mögliche Tod. Kein noch so gutes Seil, kein noch so hartes Training und auch nicht die modernsten Wetterberichte vermögen das Risiko eines Absturzes, einer Lawine, oder eines lebensbedrohlichen Wettersturzes je völlig auszuschalten.

In meiner Beobachtung der befreundeten Alpinisten, mit denen ich selber Touren unternommen habe, aber noch mehr in Vorträgen von Extremalpinisten ist mir immer die Leichtigkeit aufgefallen, mit der die Möglichkeit des plötzlich eintretenden Todes besprochen und im eigentliches Sinn des Wortes in Kauf genommen wurde. Man begeht eine an und für sich gefährliche Bergtour und sichert sich mit vielfältigen Systemen ab. Die geplanten Touren werden aber gleichzeitig immer schwieriger, so dass das eigentliche Risiko immer gleich hoch bleibt. Es kommen in den Bergen auch nicht weniger Menschen zu Tode als in früheren Jahrzehnten, trotz der erhöhten Sicherheitsanstrengungen. Einzige Einschränkung: Es werden im Zuge der erhöhten Freizeitaktivität viel mehr Bergtouren unternommen als früher. Allerdings unter den Spitzenbergsteigern ist das Sterberisiko nicht kleiner geworden. In der Schweiz sterben jährlich 120 bis 200 Menschen bei der Ausübung einer alpinistischen Aktivität. Das erregt in der Öffentlichkeit keine grössere Aufregung, es wird als Teil der Freizeitgestaltung akzeptiert. Nur wenn wieder einmal eine ganze Gruppe in den Tod gerissen wird und es sich möglicherweise noch um junge Menschen handelt, die sich einem Bergführer anvertraut haben erscheint der Fall über einige Zeit in den Medien. Die Gerichte befassen sich damit und dann wird er zu den Akten gelegt, ohne dass eine grundlegende Diskussion über den Sinn des Alpinismus erfolgt. Es sind aber jedes Mal Menschen betroffen, die ihre Ehepartner, Eltern oder Kinder verlieren.